Details zum Bericht über das 4. APC 2010

Freitag, 2. Juli 2010 – Krimmler Friedensdialog
Dieser Programmteil der heurigen APC Veranstaltung fand wieder im Festsaal des Gasthofes „Zur Post“ statt. Um 18:00 Uhr begrüßte Bgm. Erich Czerny die Anwesenden im übervollen Saal; darunter viele Ehrengäste: Dimitre Dinev – 1968 in Bulgarien geboren, 1990 nach Österreich geflüchtet und Autor des Erfolgromans „Engelszungen“, Marko Feingold – den 97 jährigen Präsidenten der Salzburger Kultusgemeinde und seine Frau Hanna, die Familien Geisler – Scharfetter vom Krimmler Tauernhaus, Regine Kappeler – an der Spitze von 14 AsylwerberInnen die sie bei Ute Bock betreut, Michael Kerbler – Leiter der ORF/Ö1 Sendereihe „Im Gespräch“, Petra Kronberger – Olympionikin, Weltcupgewinnerin und Kunsthistorikerin, Franz Brinek – Redakteur der Salzburger – und Mittersiller Nachrichten, Hans Kutil – ehemaliger Mitarbeiter vom ORF Salzburg, Michael Landau – Direktor der Wiener Caritas, Hans Lerch – Mitarbeiter vom Nationalpark Hohe Tauern, Hans Nerbl – HTL Saalfelden – er organisierte den Schüleraustausch mit Israel, Andrea Schöppl – Obfrau des Kulturvereines Chrumbas, Alois Steger – Künstler im Ahrntal, Hans Peter Graß – Leiter des FriedensBüro Salzburg, Uzi und Gal Talit – Sohn und Tochter von Moshe Talit, der 1946 bis 1948 Lehrer im Transitlager Givat Avoda war – und Lisa Wedorn – Gründerin und Leiterin der „Children Foundation“.
Ein besonderer Willkommensgruß wurde den Schülerinnen und Schülern von den Schulen in Saalfelden (HTL) und Dafna (Har Vagai), den beiden Schuldirektorinnen Esther und Mira Peled sowie den mitgereisten 14 AsylwerberInnen bereitet.
Der Initiator von APC, Ernst Löschner, ergriff anschließend das Wort und stellte das Programm für den Abend vor. Er tat dies in der bekannt amikalen und kommunikativen Art und Weise.
Marko Feingold: „1947: Die Auskundschaftung der Fluchtroute über den Krimmler Tauern“
Die jüdische Flüchtlingsorganisation BRICHA (=Flucht) war ursprünglich bemüht, die in Salzburg Zwischenstation machenden Flüchtlinge über Tirol nach Italien zu bringen. Die Route über den Brennerpass war jedoch stark von der politischen Situation (zwischen Großbritannien, Frankreich und Italien) abhängig. Drängte Großbritannien die Regierungen in Italien und Frankreich die Flüchtlinge restriktiver zu behandeln, war der Übertritt über den Brennerpass erschwert bis unmöglich.
Die Flüchtlingsroute führte zunächst nach Saalfelden, wo seit Sommer 1946 das jüdische Transitlager Givat Avoda bestand. Dort waren im Lager Givat Avoda die nach Palästina strebenden Flüchtlinge untergebracht. Ab Ende 1946 wurde die Fluchtroute über Tirol allerdings geschlossen: Die französischen Besatzer ließen keine Flüchtlinge mehr durch.
Zu dieser Zeit erinnerte sich Marko Feingold, der eng mit der BRICHA zusammenarbeitete, dass Salzburg für einen schmalen, nur ca. 10km breiten Streifen an Italien grenzte und es da einen Jahrhunderte alten Steig über den Krimmler Tauern (2.634m) gab. Gemeinsam mit dem großartigen Bergführer Viktor Knopf (Mitarbeiter der BRICHA in Saalfelden) und den Wirtsleuten vom Krimmler Tauernhaus prüfte er, ob dieser Weg den unterernährten und geschwächten Flüchtlingen zuzumuten war.
„Historisches Gedächtnis“. Die Gründerin der international tätigen „Children Foundation“ Lisa Wedorn stellte für den Wettbewerb „Historisches Gedächtnis“ eingereichte Projektarbeiten vor und präsentierte die 3 SiegerInnen denen auch als weitere Anerkennung eine Reproduktion des Ölgemäldes „Europa – Einheit aus Vielfalt“
überreicht wurde. Das Thema der Aufsätze lautete: „Ohne das Gestern gibt es kein Heute, das in eine friedliche Zukunft führen kann“, das dieses Jahr durch APC inspiriert wurde.
Folgende SchülerInnen wurden für ihre Aufsätze ausgezeichnet:
1. Platz Rima GRIGORIAN 13 Jahre (Armenien – Österreich)
2. Platz Katharina LICHTENÖCKER 12 Jahre (Österreich)
3. Platz Claudia YU 13 Jahre (China – Österreich)
Alle Gewinnerinnen sind Schülerinnen in der „Europa Sport Mittelschule“ in Mödling/NÖ.
Viel Applaus für die PreisträgerInnen, deren LehrerInnen und die Schuldirektorin Sabine Karl – Moldan. Bei dieser Gelegenheit hielt Lisa Wedorn eine kurze Ansprache, bei der sie die Wichtigkeit betonte, bereits im Kindesalter die Sensibilisierung gegen Rassismus, Gewalt und Fremdenfeindlichkeit zu wecken.
Schüleraustausch Österreich – Israel: Hans Nerbl von der HTL – Saalfelden, zusammen mit Gal Talit aus Tel Aviv hat durch großes persönliches Engagement einen Schüleraustausch seiner Schule mit der Schule Har Vagai in Dafna/Israel bewerkstelligt. Die Saalfeldener Schüler besuchten im Mai 2010 die Schüler in Israel und die israelischen Schüler erwiderten den Besuch um bei APC 2010 dabei zu sein. Es war ein besonderes Ereignis, hier beide Klassen in großer Herzlichkeit zu erleben. Dies war wohl einer der großen Höhepunkte des Abends.
Für beide Schulen wurden von SprecherInnen in Englisch und Deutsch die Erfahrungen im jeweils anderen Land vorgetragen. Für die österreichischen Schüler sprachen Zoran Prodanovic und David Hernandez und für die Schüler aus Israel Yuval Shechory und Shaked Yaron.
Als letzter und wichtigster Teil des Abends stand der „Krimmler Friedensdialog“ unter dem Motto „Wir sind schon da“ – Faktum Zuwanderung versus Feindbild Immigration.
Mit Michael Kerbler – ORF/Ö1- diskutierten der Schriftsteller Dimitre Dinev mit Michael Landau – Direktor der Wiener Caritas.
Bei dieser Gelegenheit las Dimitre Dinev seine Erzählung „Der Leuchtturm“ die ihre tiefe Wirkung auf die Zuhörer nicht verfehlte.
Die Diskussion in gekürzter Form:
• Flucht und Vertriebenen-Dasein sind kein Verbrechen!
• Bleiberecht muss durch eine Prüfung unter humanitären Gesichtspunkten ergänzt werden!
• Staatssekretariat für Integration soll geschaffen werden!
Caritasdirektor Michael Landau und der Schriftsteller Dimitre Dinev haben beim „Krimmler Friedensdialog“ eine nachhaltige Umkehr im Umgang mit allen „Fremden“ in Österreich gefordert. „Integration ist eine Querschnittsmaterie, hier braucht es endlich ein verbindliches Gesamtkonzept auf Bundesebene und ein eigenes Staatssekretariat für Integration, in das alle relevanten Bereiche einbezogen sind“, sagte Caritasdirektor Michael Landau. Die Caritas verlangt außerdem die Abschaffung der drastischen finanziellen Hürden für die Familienzusammenführung und einen erleichterten Zugang zur Staatsbürgerschaft.
Dimitre Dinev fordert Ehrlichkeit in der Diskussion um die Ursachen von Flucht und Vertreibung ein. „Flucht ist kein Verbrechen, die Internierung von Flüchtlingen, die nichts verbrochen haben, aber sehr wohl. Andere Staaten für ihre Grausamkeit und ihre Verbrechen an den Menschen zu verurteilen und zugleich die Opfer dieser Verbrechen, wenn sie einmal da sind, einzusperren, ist ein Beispiel von erschütternder Verlogenheit“, sagte der Schriftsteller, der vor zwanzig Jahren aus Bulgarien flüchtete.
Beide, Landau und Dinev, waren sich mit Michael Kerbler einig, dass eine Versachlichung der Asyldebatte abseits von Populismus und tagespolitischem Streit dringend nötig sei. Bei den erstinstanzlichen Asylverfahren – so Landau – brauche es eine Qualitätsoffensive sowie eine verfassungskonforme Neuregelung der Schubhaft. Das im April 2009 in Kraft getretene Bleiberecht muss durch eine Prüfung unter humanitären Gesichtspunkten ergänzt werden. So sollten beispielsweise AsylwerberInnen, die bereits mehr als 5 Jahre auf den Ausgang ihres Asylverfahrens warten, die Möglichkeit erhalten, sich in Österreich niederzulassen.
Dinev verwies auf einen Beispielsfall. Er lernte einen jungen Tschetschenen bei Ute Bock kennen. Einen jungen Mann, der gerne lacht und der zu Fuß und allein nach Österreich gekommen war. „Unterwegs“, so Dinev, „hat er alles verloren, nur sein Lachen nicht. Das sieht und hört man auch. Was man aber nicht hört und nur auf Röntgenbildern sehen kann, ist, dass es an seinem Körper kaum einen Knochen gibt, der nicht mindestens einmal gebrochen worden war. So oft wurde er gemartert.“ Ein Psychologe hat gemeint – so Dinev -, ein Mensch, der noch lachen kann, kann nicht kriegstraumatisiert sein. „Also hat der Tschetschene immer noch kein Asyl. Man wird ihn eines Tages in Schubhaft stecken und dort wird er allen zum Trotz weiterlachen. Keinem Gesetz, sondern genau solchem Lachen ist es zu verdanken, dass ich meinen Glauben an die Kraft des Menschlichen noch nicht verloren habe“, sagte der Schriftsteller.
Ernst Löschner und Erich Czerny ergänzten:
Die Friedensinitiative „Alpine Peace Crossing“ solidarisiert sich mit den Forderungen von Caritasdirektor Landau und Dimitre Dinev nach einem endlich fairen Umgang mit asylsuchenden Frauen und Männern und Zugewanderten.
Die musikalischen Beiträge zwischen den einzelnen Programmpunkten – die großen Beifall fanden – stammten von Marko Govorzin und seiner Tochter Suzana Novosel von der Gruppe Merak aus Saalfelden. Marko war – dies sei hier noch erwähnt – 1995 als Flüchtling aus Bosnien – Herzegowina nach Österreich gekommen
Samstag, 3. Juli 2010 – APC – Friedenswanderung
Bei prächtigem Wetter und entsprechender Stimmung trafen sich die Teilnehmer um 6:00 Uhr beim Krimmler Touristenbüro und wurden von dort mit mehreren Großraumtaxis über die Bergstraße in Nähe der Krimmler Wasserfälle zum Krimmler Tauernhaus gebracht. Es waren auch heuer wieder zahlreiche AsylwerberInnen dabei. 13 Männer und 1 Frau aus Tschetschenien, Afghanistan, Gambia, Guinea – Bissau, Libanon, Syrien und Senegal. Sie sollten uns auf der Windbachalm auf berührendste Art und Weise von ihren Fluchterlebnissen berichten.
Beim Krimmler Tauernhaus vereinigten sich die soeben von Krimml Angekommenen mit jenen, die im Krimmler Tauernhaus übernachteten und da ergab sich die gesamte Teilnehmerzahl von 204! In aller Bescheidenheit: Das ist Teilnehmerrekord!
Vor dem Abmarsch vom Krimmler Tauernhaus um 7:05 Uhr gab es noch kurze Ansprachen von Bgm. Erich Czerny und Ernst Löschner. Letzterer versuchte den versammelten Wanderern seine gute Laune und Begeisterung mit auf den Weg zu geben und betonte im Besonderen auch den spirituellen Teil dieser Wanderung. Hans Lerch verwies auf die historischen und kulturellen Beziehungen zwischen dem Krimmler Achental und dem Südtiroler Ahrntal und erinnerte an Vorsichtsregeln, die in Zonen des Hochgebirges zu beachten sind. Er skizzierte auch den zeitlichen Ablauf des Fußmarsches.
Dann begann die Wanderung, ging weiter ins Krimmler Achental, dann rechts ab in Richtung Windbachtal. Der erste Rastplatz – die Windbachalmhütte war um 8:30 Uhr erreicht. Dort wartete schon die kleine Gruppe mit Erich Czerny und Marko und Hanna Feingold.
Das Programm sah vor, dass hier 4 von den AsylwerberInnen über ihre Fluchterlebnisse berichten. Was die Rastenden hier zu hören bekamen, löste tiefes Schweigen aus und trieb vielen bei einzelnen Passagen Tränen in die Augen. Es war schlicht und sehr berührend wie die AsylwerberInnen über ihre Erlebnisse während der Flucht berichteten.
Es waren dies: Hr. Francis Mendy, Hr. Hizir Dshabarov, Fr. Silach Magomadova und Herr K. von dem hier, stellvertretend für die 3 andern, berichtet wird.
(Der Name wurde geändert, dem Chronisten ist er aber bekannt)
K. ist 20 Jahre alt, gehört dem Minderheitenvolk der Hazara (mongolischstämmig) in Afghanistan an; sie sind überwiegend Schiiten. Im Gegensatz zu dem Mehrheitsvolk – den Paschtunen, die mehrheitlich Sunniten sind. Aus ihren Reihen stammt die Mehrzahl der Taliban. Er berichtet von schwerwiegenden Konflikten zwischen den beiden Ethnien. Wenn er zum Beispiel nach Kabul reisen wollte, musste er große Umwege machen, um nicht auf paschtunisches Gebier zu kommen.
K. flüchtete über die Türkei in einem Lastwagen an die österreichische Grenze. Der Schlepper verlangte 5000€, die von Verwandten gesammelt worden waren. Sein Vater wurde ermordet, seine Mutter wohnt mit den 6 jüngeren Geschwistern in Pakistan in einem einzigen Raum. Vor kurzem hatte sie eine Herzoperation, die ihr ältester Sohn – K. – zum großen Teil finanzierte. (Er hatte neben den Deutschkursen in Wien oft bis zu 12 Stunden an einem Kebab-Stand gearbeitet). Außerdem leidet seine Mutter unter schweren Depressionen.
Die Familie setzt alle Hoffnungen auf K. Von dem Geld, das er schickt, können die jüngeren Geschwister das Schulgeld bezahlen.
K. hat in Österreich noch kein Asyl bekommen, sondern wurde bisher nur als Schutzberechtigter jeweils für ein Jahr aufgenommen, dann muss er um Verlängerung seiner Aufenthaltsgenehmigung ansuchen. Dieser Status ist für ihn ein großes Problem, da er nur für ein Jahr Sicherheit bietet. K. hat ganz gut Deutsch gelernt und hat seit kurzem ab September 2010 eine feste Lehrstelle als Zahntechniker bei einem Zahnarzt, der ihn zwei Tage lang testete und für gut befand. Dies ist eine große Chance für ihn, da er ja seine ganze Familie zu erhalten hat.
Soweit der Bericht über K.
Dann sprach Marko Feingold – berührt an einer Stelle der Fluchtroute zu stehen, die er vor 63 Jahren ausgekundschaftet hatte – in seiner unnachahmlichen Art und Weise über seine Empfindungen und Gedanken. Er sprach auch über die Freude, die er empfindet, dass Ernst Löschner mit der Initiative APC die Erinnerung an diese Ereignisse lebendig hält. Neben ihm stand der jüngste Teilnehmer des APC Friedensmarsches, der 9 jährige Markus Plankensteiner
Um 9:30 Uhr brach die Gruppe zum Weiterwandern auf, nicht ohne Marko und Hanna Feingold auf das Herzlichste „Auf Wiederseh’n im nächsten Jahr“ gewünscht zu haben.
Um 11 Uhr 30 erreichten die ersten Wanderer das alte Zollhaus auf österreichischer Seite. Es liegt ca. 40 Höhenmeter unter dem Krimmler Tauern. Ein großer Teil der Wanderer rastete dort; die meisten stiegen direkt zur Passhöhe hinauf um dort neben dem Rasten auch eifrig zu Fotografieren.
Am Krimmler Tauern (2.634 m) mussten wir leider von den AsylwerberInnen Abschied nehmen. Die Gesetzeslage in Österreich lässt ein Verlassen des Staatsgebietes für diese Personengruppe nicht zu. Bei wunderbarem Wetter und guter Laune wurde um ca. 12:30 Uhr mit dem Abstieg ins Ahrntal begonnen und nach ausgiebiger Rast auf der Oberen Tauernalm Kasern um ca. 16:30 Uhr erreicht.
Dort wurden wir alle von den Bürgermeistern Robert Steger und Helmut Klammer herzlich empfangen. Das hervorragend mundende Südtiroler Schmankerlbuffet wurde begeistert angenommen.
Um ca. 18:00 Uhr brachten 2 Busse die Wanderer, die nicht am nächsten Tage über einen anderen Weg – die „Birnlücke“ – zurückgingen, nach Krimml zurück. Dort kamen sie um ca. 21:45 Uhr an.
Diejenigen aber, welche die Rückwanderung am nächsten Tag (Sonntag, 4. Juli 2010) antraten, berichteten von einem tiefen und wunderbaren Wandererlebnis. Alle 44 Teilnehmer dieser Wanderung – darunter auch wieder der 9 jährige Markus Plankensteiner – wurden von Hans Lerch sicher und gesund nach Krimml zurückgebracht. In unserer Bildergalerie sind einige der schönsten Impressionen (auch vom Blick auf die wolkenfreie Dreiherrenspitze) festgehalten.
Das waren nun die Tage in Krimml anlässlich Alpine Peace Crossing 2010.
Der Chronist schließt hier sein Tagebuch und freut sich auf APC 2011.
Peter de Bruin