Details zum Bericht über das 5. APC 2011

Freitag, 1. Juli 2011 – Krimmler Friedensdialog
Dieser Programmpunkt der heurigen APC Veranstaltung fand aus Kapazitätsgründen zum ersten Mal im Turnsaal der Volksschule Krimml statt. Diese Entscheidung fand allgemeine Zustimmung.
Andrea Schöppl sorgte für ein köstliches Buffet von Pinzgauer Spezialitäten, das um 17 Uhr eröffnet wurde und sich regen Zuspruchs erfreute.
Um 18:00 begrüßte Bürgermeister Erich Czerny die zahlreich erschienenen Interessierten. Auch heuer konnte er wieder eine große Anzahl von Ehrengästen persönlich willkommen heißen:
Die Bürgermeister Robert Steger (Prettau), Helmut Klammer (Ahrntal) aus Südtirol und Alois Gadenstätter (Maria Alm); Grete Rieder – die Frau des verunglückten Bergführers Paul Rieder – mit den Kindern Michael und Angelika und weiteren Freunden aus Maria Alm; Marko Feingold – den 98 jährigen Präsidenten der Salzburger Israelitischen Kultusgemeinde und seine Frau Hanna; Ernst Löschner – Initiator und Vorsitzender des Vorstandes des Vereins Alpine Peace Crossing (APC); Familie Geisler-Scharfetter vom Krimmler Tauernhaus; Regine Kappeler mit 19 AsylwerberInnen, die sie bei Ute Bock betreut; Ruth Beckermann – Dokumentarfilmerin; Sigrid Löffler – sie hatte sich für die Moderation des Friedensgesprächs zur Verfügung gestellt und war aus Berlin angereist; Sari Hanafi – Universitätsprofessor aus Beirut; die in Wien lebende Palästinenserin Viola Raheb und ihr Mann Marwan Abado; Michael Ingber – Uni-Dozent mit ehemaligen Wohnsitzen in New York, Israel und Palästina; Michael Kerbler – ORF Radio; Petra Kronberger – Olympia- und Weltcupsiegerin im alpinen Schisport; Hans Nerbl und Peter de Bruin – Vorstandsmitglieder des Vereins APC; Susanne und Markus Geiger – unermüdliche APC-Mitarbeiter; Hans Lerch – Mitarbeiter des Nationalparks Hohe Tauern; Uzi Talit mit Sohn Jonathan aus den USA; Annette Manger-Scheller und Aster Karbaum aus Hamburg; Halawan Muhammed aus Israel; Hans Weyringer mit seinem Sohn; Thomas Neuhold und Franz Brinek mit Ehefrau; Andrea Schöppl vom Kulturverein Chrumbas; Alois Steger – Südtiroler Künstler aus Ahrntal; und last but not least eine Gruppe von Wanderern aus Südtirol. Sie alle wurden herzlich willkommen geheißen.
Der erste Programmpunkt gehörte Bürgermeister Erich Czerny: Er begrüßte alle Anwesenden zur 5. APC Veranstaltung – ein halbes Jubiläum – und nützte die Gelegenheit allen zu danken, die zu dieser Veranstaltung beigetragen haben. Er führte aus, dass APC kein spektakuläres Event, sondern eine stille, der Menschlichkeit gewidmete Veranstaltung sei. Dann erläuterte er Details über die Wanderung am nächsten Tag.
Marwan Abado spielte anschließend auf seiner Oud (arabische Laute) sein Lied Sibaa (Jugend) – eine eigene Komposition. Viel Beifall.
Anschließend folgten das Gedenken und die posthume Ehrung von Paul Rieder durch Ernst Löschner und Hans Nerbl:
Mit warmen und berührenden Worten wurde ausgeführt, dass er es war, der den entscheidenden Hinweis auf den jüdischen Exodus im Jahre 1947 gab. Das war auch einer der Gründe, warum Ernst Löschner ihn bat, bei der ersten APC Veranstaltung 1947 die Führung über den Krimmler Tauern zu übernehmen. Er war es auch, der „den Stein ins Wasser warf“ und die Wellen, die uns alle repräsentieren, auslöste.
Ernst Löschner sprach das APC Logo an und führte aus, dass die ausgestreckten Arme der Figuren darauf die Verbindung von der Vergangenheit zur Gegenwart symbolisieren. Damals waren es jüdische Flüchtlinge, die eine Heimat suchten und letztlich fanden. Heute aber sind unser Thema Flüchtlinge, die ihre Heimat verloren, aber noch keine neue gefunden haben. Starker Beifall.
Dann ergriff Marwan Abado wieder seine Oud und brachte uns sein Lied Matar (Regen) dar – Text und Komposition Marwan Abado. Auch dieses Lied wurde begeistert aufgenommen.
Nun wurden die Teilnehmer des heurigen Friedensgespräches von Sigrid Löffler auf die Bühne gebeten. Das Thema lautete:
Zwischen allen Fronten – Die palästinensischen Flüchtlinge
Die Diskutanten:

  •  Sigrid Löffler – Moderation: Studium in Wien, Redakteurin (Die Presse), Kulturjournalistin (Profil, Die Zeit), von 1987 bis 2000 Mitglied des „Literarischen Quartetts“. Gründerin und langjährige Herausgeberin der Zeitschrift „Literaturen“. Sie lebt in Berlin.
  • Sari Hanafi: Studium der Soziologie in Paris, Professor an der American University in Beirut, ehem. Direktor des Palestinian Refugees and Diaspora Centres. Autor mehrerer Bücher und Artikel betreffend die Situation palästinensischer Flüchtlinge
  • Viola Raheb: Geboren in Bethlehem als Tochter einer christlich – palästinensischen Familie. Studierte Theologie und Pädagogik in Heidelberg. Arbeitet als Konsulentin in den Bereichen Entwicklungszusammenarbeit und Erwachsenenbildung in Wien mit dem Schwerpunkt Arabischer Raum. Sie sagt von sich: „Ich bin Araberin was meine kulturelle Identität betrifft, Palästinenserin, was meine ethnische Identität betrifft, Christin, was meinen Glauben betrifft, evangelisch, was meine Glaubensrichtung betrifft und Österreicherin, was meine Staatsbürgerschaft betrifft“.
  • Marko Feingold: Überlebender von 4 Konzentrationslagern. Seit 1979 Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde in Salzburg und APC Ehrenmitglied.
  • Michael Ingber: Geboren in New York, lebte in Israel/Palästina. Politische und religiöse Aufklärungsaktivitäten zwischen den Völkern der Region und in Europa. Er arbeitet seit 2001 als Uni-Dozent, Erwachsenenbildungsreferent und Leiter von Schulprojekten.

Die Kernaussagen:
Sari Hanafi: Aus heutiger Sicht ist die UNWRA (United Nation Relief and Works Agency for Palestine Refugees in the Near East) unersetzlich. Israel ist Champion im Unilateralismus. Im September 2011 wird Palästina unilateral anlässlich der UN-Generalversammlung die Staatsgründung beschließen.
Viola Raheb: Die UN Resolution 194 vom 11.12.1948 garantiert palästinensischen Flüchtlingen die Rückkehr (Artikel 11) und freien Zugang zu Jerusalem (Artikel 9). Bereits 1988 wurde in Algerien ein palästinensischer Staat ausgerufen, allerdings ohne politische Konsequenzen! 60% der Einwohner Jordaniens sind bereits Palästinenser. Welches Land der Erde wäre bereit, einen so großen Bevölkerungsanteil zu integrieren? Niemand hat die politische Courage, die Verantwortung für das Palästinaproblem zu übernehmen. Gewaltloser Widerstand muss nicht erfunden werden. Die erste Intifada (Dezember 1987) war anfangs gewaltlos! Die Welt verlangt Gewaltlosigkeit, reagiert aber nur, wenn Gewalt eingesetzt wird.
Marko Feingold: Warum sind 2 Milliarden Moslems nicht imstande, ein paar Hunderttausend palästinensischer Flüchtlinge zu integrieren? 180.000 Palästinenser wurden aus Jordanien vertrieben, nachdem sie versucht hatten, den jordanischen König zu stürzen. Das für die Palästinenser gespendete Geld wird vornehmlich für Waffenkäufe ausgegeben.
Michael Ingber: 1948 wurden die Palästinenser nicht gefragt, ob sie mit der Teilung ihre Landes einverstanden wären (Unilateralismus!) Die meisten israelischen maßgeblichen Politiker waren Generäle oder Chefs des Generalstabes. Wenn im September viele Staaten die palästinensische Staatsgründung unterstützen, ergeben sich aus seiner Sicht 2 Optionen: Der politische Druck auf Israel und die USA wird so groß, dass sie keine andere Wahl haben als ihre aktuelle Politik zu ändern oder, wenn die Palästinenser es nicht schaffen, ein staatliches Gemeinwesen zu etablieren, könnte es aus Verzweiflung und Enttäuschung zu einer weiteren Intifada kommen.
Zum Abschluss der Veranstaltung nahm Marwan Abado seine Oud zur Hand und spielte noch sein Lied Fi Shareh – Text: Tarek Eltayeb, Komposition: Marwan Abado. Großer Applaus.
Samstag, 2. Juli 2011 – APC–Friedenswanderung
Traditioneller Treffpunkt ist um 6:00 Uhr beim Krimmler Touristenbüro. Mit mehreren Grossraumtaxis geht es über die Bergstraße hinauf zum Krimmler Tauernhaus auf 1622 m Seehöhe.
Dort trafen die Ankommenden auf diejenigen, die dort übernachtet hatten und bereiteten sich gemeinsam auf die Wanderung vor.
Vor dem Abmarsch vom Krimmler Tauernhaus wies uns unser Bergführer Hans Lerch noch auf einige wichtige Verhaltensregeln im Hochgebirge hin, und Ernst Löschner wünschte uns in seiner unnachahmlichen Art und Weise eine wunderschöne Wanderung, erinnerte nochmals mit berührenden Worten an Paul Rieder und appellierte an uns, den spirituellen Aspekt dieses Weges nicht außer Acht zu lassen.
Um 7:00 gingen wir vom Krimmler Tauernhaus weg und erreichten um ca. 8:20 die erste Raststation: Die Windbachalm auf 1882 m Höhe.
Ernst Löschner erinnerte mit kurzen Worten nochmals an Paul Rieder und verkündete die Zahl der Mitwanderer: 182!
Dann sprach Regine Kappeler über die mitgehende Gruppe (insgesamt 19 Personen aus 9 verschiedenen Ländern) der AsylwerberInnen – 6 hatten bereits Asyl erhalten, darunter zuletzt 2 Tibeter.
Dann – und das war wohl einer der Höhepunkte der Wanderung – sprachen 4 von ihnen über ihre Fluchterfahrung und ihre derzeitige soziale Situation.
Es waren dies:
• Sidar Asaad – ein syrischer Kurde
• Fazlulla Adina – ein Arzt aus Syrien
• David Khadisi – aus Tschetschenien und
• Sangay Tenzin – aus Tibet.
Ihre Schilderungen hinterließen einen tiefen Eindruck bei den ZuhörerInnen. Hervorzuheben ist sicherlich die kurze Ansprache von David Khadisi, in der er an alle appellierte, ihm und seinen Leidensgenossen im Falle eines Fehlverhaltens doch zu sagen, wie sie sich richtig zu verhalten und zu benehmen hätten. (Hier wurde auf wunderbare Weise der Kant’sche Kategorische Imperativ ins Spiel gebracht!)
Anschließend las David Jarju aus Gambia einen Text aus seinem Büchlein „Texte“ vor, den er bereits in Wien verfasst hat.
Danach appellierte Erich Czerny an alle, die nächsten Stunden doch zu nützen, um mit den AsylwerberInnen Gespräche zum beiderseitigen Nutzen zu führen.
Marko Feingold sprach nach ihm in seiner launigen Art und Weise über Erfahrungen, die er in den Jahren 1945/46 gemach hatte, wünschte der Gruppe eine schöne Wanderung und bestellte liebe Grüße nach Südtirol.
Damit wurde vom Rastplatz Windbachalm aufgebrochen und weitergegangen.
Das Wetter war durchaus kooperativ: am Vortag hatte es noch heftig geschüttet, aber während des Aufstiegs zum Krimmler Tauernpass blieb es die längste Zeit trocken – und als dann doch die ersten Niederschläge einsetzten, waren alle Wanderer schon so weit oben, dass sie von den herunterrieselnden Schneeflocken keineswegs durchnässt wurden.
Die ersten Wanderer erreichten um ca. 12 Uhr die Passhöhe auf 2634 m. Da jeder sein individuelles Marschtempo wählen durfte, dauerte es mehr als eine halbe Stunde, bis alle oben angekommen waren. Ernst Löschner erinnerte daran, dass die Flüchtlinge vor 64 Jahren hier oben um Mitternacht ankamen und es stockdunkel war.
Robert Steger, Bürgermeister von Kasern/Prettau, war von der Südtiroler Seite auf den Pass gekommen, begrüßte die Wanderer und sprach von juristischen Grenzen in den Köpfen der Menschen, die man abbauen sollte.
Die AsylwerberInnen mussten von hier zum Krimmler Tauernhaus zurückgehen. Sie dürfen Österreich nicht verlassen. Die beiden Tibeter konnten bei der Gruppe bleiben. Sie hatten schon Asyl bekommen.
Der allgemeine Abstieg nach Prettau/Kasern begann um ca. 13:00 Uhr. Auf dem Abstieg kamen dann auch die ersten Sonnenstrahlen zwischen den Wolken hervor. Eine kurze Rast gab es bei der Tauernalm in 2018 m Seehöhe, und dann wurde das letzte Teilstück nach Kasern (1582 m) begonnen. Um ca. 16:00 trafen die ersten dort ein, mit 2.064 Höhenmetern in den Beinen (1.012 hinauf, 1.052 hinunter).
Die Bürgermeister Robert Steger und Helmut Klammer begrüßten zusammen mit Bürgermeister Erich Czerny und Organisator Ernst Löschner die Wanderer und luden sie auf ein von Helmut Klammer zur Verfügung gestelltes Buffet ein. Diese Einladung wurde gerne angenommen, bevor es dann für die meisten um ca. 17:00 Uhr mit Bussen in fast 4-stündiger Fahrt zurück nach Krimml ging.
Eine „harter Kern“ von 39 Teilnehmern übernachtete in Kasern und marschierte am Sonntag, dem 3. Juli über die Birnlücke zurück zum Krimmler Tauernhaus; dieser Weg war 1947 (natürlich in der Gegenrichtung) als Alternativroute für die Flüchtlinge vorgesehen, wenn der Weg über den Krimmler Tauernpass zu stark bewacht war.
Hier schließt der Chronist seinen Bericht, sammelt seine Kräfte und freut sich schon auf die Veranstaltung APC 2012 in Krimml im Salzburger Pinzgau.
Peter de Bruin