Die Genesis von APC

von Ernst Löschner

Wie kam es zu dem Projekt einer „Gedächtnisüberquerung“? Dieser Beitrag soll versuchen, den „Weg zum Weg“ nachzuzeichnen, der es sich zum Ziel gesetzt hatte, einen nahezu vergessenen Abschnitt österreichischer Nachkriegsgeschichte ins Bewusstsein vieler, vor allem junger Menschen zu rufen und damit eine Friedensbotschaft für die heutigen Flüchtlinge zu verknüpfen.

Begonnen hatte alles mit einer Bergtour auf die Dreiherrenspitze (3.500 m) in den Krimmler Tauern mit meinem Sohn Lukas und meinem Neffen Leonhard im Jahr 2003. Beim Abstieg kamen wir in ein fürchterliches Gewitter, das uns bis auf die Haut durchnässte. Unser Bergführer Paul Rieder aus Maria Alm meinte, wir hätten wenigstens gutes Schuhwerk: die vielen Juden, die 1947 über den Krimmler Tauern mussten, hatten nicht einmal das! „1947?“ „Ja, es gibt Fotos von damals beim Krimmler Tauernhaus.“

Ich wurde 1943 geboren und bin in Zell am See aufgewachsen, später in Salzburg. Nie hatte ich in der Schule je davon gehört, dass sich in meiner unmittelbaren Heimat im Sommer 1947 jede zweite Nacht ein gespenstischer Zug von meist 150 bis 200 Menschen auf den beschwerlichen 15-stündigen Weg gemacht hatte, um in unzähligen Zick-Zack Kurven über das Hochgebirge ihrem Ziel Palästina näher zu kommen. Sie müssen mehr gestolpert als gegangen sein, denn ihr einziges Licht waren die Sterne und diese waren nicht immer sichtbar.

Seit 40 Jahren hatte ich mich immer wieder mit zeitgeschichtlichen Themen befasst, vor allem mit der Zeit von 1933 bis 1945, und mit originären Quellenstudien. Als ich daher die Fotos mit den jüdischen Flüchtlingen vom Krimmler Tauern in den Händen hielt, war es für mich ein klarer Beschluss: ich will herausfinden, was sich damals ereignete und ich will diesen Weg mit Gleichgesinnten gehen, um die Menschen von damals zu ehren und auch jene, die heute flüchten müssen. Denn diese will auch niemand, so wie damals niemand „die Juden“ wollte!

Ein Jahr später begannen dann die Vorbereitungsarbeiten, zielgerichtet auf das Jahr 2007, denn 2007 jährte es sich zum 60. Mal, dass rund 5.000 Menschen die wahrhaft große Anstrengung auf sich genommen hatten, über den Krimmler Tauernpass (2.634 m) nach Südtirol – und später weiter über Genua nach Palästina – zu flüchten. Viele von ihnen waren mit Kindern unterwegs, schlecht ausgerüstet, extrem unterernährt und verzweifelt: der Antisemitismus war noch überall spürbar. Mehr noch: in Osteuropa (vor allem 1946 in Kielce in Polen) hatte es trotz Kriegsende noch grauenhafte Pogrome gegeben.

So war es ein unbändiger Wunsch für Holocaust-Überlebende, eine neue Freiheit zu erlangen; die alten Wurzeln und Bande konnten ein Gefühl von Heimat nicht mehr vermitteln. Als sogenannte displaced persons waren sie von einem „Auffanglager“ zum anderen in LKWs „transportiert“ worden, bis ins Lager Givat Avoda in Saalfelden im Bundesland Salzburg, und von dort – in Gruppen von bis zu 280 Personen – in der Nacht nach Krimml, wiederum in Lastautos. Erschöpft erreichten sie das Krimmler Tauernhaus.

Der einzige Lichtblick war wohl, dass sie liebevoll umsorgt wurden von der Wirtin Liesl Geisler. „Sie war eigentlich die Mutter, wenn Kinder dabei waren“, erinnerte sich der Bergführer Viktor Knopf aus Zell am See. Ohne diese Fürsorge wären für viele Flüchtlinge die Strapazen der darauf folgenden Nacht über den Krimmler Tauern wahrscheinlich noch unerträglicher gewesen. So ist es sicher richtiger von der Judenflucht 1947 zu sprechen als von einer „Judenwanderung“.

Zum 50. Jahrestag dieser Flucht hatte ein wissenschaftliches Symposion stattgefunden, das im Juni 1997 vom Land Salzburg gemeinsam mit der Israelitischen Kultusgemeinde Salzburg unter dem Titel Salzburg – Drehscheibe des jüdischen Exodus 1945-1948 veranstaltet wurde.

Die wissenschaftliche Aufarbeitung der Ereignisse, die zu diesem Exodus geführt haben, ist von unschätzbarem Wert, denn bevor wir mit unserer Geschichte im weltweiten wie im familiären Dialog mit den Menschen aller Altersgruppen verantwortungsvoll umgehen können, müssen wir sie kennen. Es gibt aber noch eine andere – eine persönliche und spirituelle – Dimension, wie wir mit diesen Ereignissen umgehen können (vielleicht auch sollen), und so war es mein Gedanke, diesen Weg des Mühsals, Schritt für Schritt, nachzugehen, wie er vor 60 Jahren unter ganz anderen Voraussetzungen von verzweifelten Menschen begangen wurde.

Mein zweiter Gedanke war, dass dieser Weg eine gemeinsame Gedächtnisüberquerung mit Gleichgesinnten werden könnte, virtuell mit all jenen, die persönlich nicht dabei sein können, und tatsächlich als Gruppe wie damals vor 60 Jahren, begleitet von Bergführern, vom Krimmler Tauernhaus über die Tauernscharte nach Kasern in Südtirol, wo sich in der Heiligen-Geist-Kirche der Schmerzensmann seit Jahrhunderten als Symbol für die „conditio humana“ befindet. Ist es ein Zufall, dass sich ein Schmerzensmann auch in der Kapelle beim Krimmler Tauernhaus seit Jahrhunderten befindet?

Mein dritter Gedanke war es, mit dieser Gedächtnisüberquerung auch eine dankbare Erinnerung an Liesl Geisler und den Bergführer Viktor Knopf (er hatte 3.000 der 5.000 Juden persönlich geführt in der Nacht, bis zu drei Mal jede Woche!) zu verknüpfen. In einer Zeit als es zig-tausende gegeben hatte, die „wegschauten“, waren sie zwei von wenigen, aber umso bedeutungsvolleren Menschen, die unermüdlich waren in ihrer Zuwendung und Hilfe für andere in Not.

Sicherlich trugen viele, denen Liesl Geisler damals geholfen hatte, ein Gefühl von Dankbarkeit im Herzen, noch während der Flucht und auch nachher; es ist auch ein schönes Schreiben bei der Familie Geisler eingelangt, in welchem dem Krimmler Tauernhaus die „tiefste Dankbarkeit für die außergewöhnliche und aufopfernde Hilfeleistung und Betreuung 1946-1948“ ausgesprochen wurde. Es heißt in dieser Ehrenurkunde: „Die Flüchtlinge fanden in diesem Haus warmherzige Aufnahme, tiefe Anteilnahme an ihrem Schicksal und ermutigenden Rat für den dornenvollen Weg, der noch vor ihnen lag.“ Es wäre aber noch schöner gewesen, wenn dieses Schreiben Liesl Geisler-Scharfetter persönlich erreicht hätte. Leider war dem nicht so: es ist erst mit 17. Juni 1993 datiert und da war Liesl schon fast acht Jahre tot.

Mit Friedl Geisler, ihrem Enkel und nunmehrigem Besitzer des Krimmler Tauernhauses, stand ich bereits seit dem Frühjahr 2005 in brieflicher und persönlicher Verbindung bezüglich einer Gedächtnisüberquerung 2007. Er hatte mir auch erste Literaturhinweise gegeben, insbesondere zu den Forschungsarbeiten von Udo Kühn, Thomas Albrich und Harald Waitzbauer.

In weiterer Folge begann ich einen umfangreiche Literatur-Recherche, besuchte Thomas Albrich in Innsbruck und Harald Waitzbauer in Großgmain, korrespondierte mit Gertraud Steiner in Salzburg (sie hatte ein berührendes Portrait von Viktor Knopf verfasst), sowie mit den Salzburger Wissenschaftlerinnen Helga Embacher und Susanne Rolinek, und traf mich mehrmals mit der Psychologin Brigitte Lueger-Schuster in Wien wie auch mit dem Theologen Peter Hofer in Linz. Ihnen allen verdanke ich, dass die historischen Zusammenhänge sehr prägnant aufbereitet wurden. Später sollten all deren Beiträge zu unserem Projekt in unsere Web-Site aufgenommen werden, wobei Janet Ware aus Maria Alm die Übersetzung ins Englische besorgte.

Als ich mich dann mit Friedl Geisler und Johann Lerch, dem Gebietsleiter Oberpinzgau des Nationalparks Hohe Tauern, am 21. Juli 2006 im Krimmler Tauernhaus traf, um unser Projekt näher zu besprechen, war es unser erster Entschluss, von Anbeginn auch die Ahrntaler aus Südtirol in die Planung einzubinden. So kam es sehr bald dazu, dass Hans Rieder von der Gemeinde Ahrntal unser Projektteam verstärkte. Namens meiner Bank BNP Paribas (sie ist eine der größten Banken weltweit mit Niederlassungen in 85 Ländern), hatte ich das offizielle Sponsoring des Projektes vorgestellt. Als offizieller Veranstalter konnte der Nationalpark Hohe Tauern Salzburg (Wolfgang Urban) gewonnen werden. Für mich war und ist der Nationalpark ein idealer Partner für dieses Projekt, denn Respekt vor der Würde des Menschen und Respekt vor der Würde der Berge und der Natur sind seelenverwandte Begriffe. Dies war mein vierter Gedanke.

Friedl, Johann, Hans und ich waren uns auch in einem weiteren wichtigen Punkt einig: die Gedächtnisüberquerung sollte keinesfalls für touristische oder partei-politische Zwecke missbraucht werden, sondern Anlass für eine spirituelle Begegnung mit gleichgesinnten Menschen sein. Gleichzeitig sollte sie allen Menschen eine Gelegenheit bieten, sich mit folgendem Friedens-Aufruf zu solidarisieren:

„Am 29. Juni 2007 findet eine Gedächtnisüberquerung des Krimmler Tauern (vom Krimmler Tauernhaus im Land Salzburg nach Kasern in Südtirol) statt. Dieser Fußmarsch erfolgt in Erinnerung an die Judenflucht 1947, als 5.000 Menschen auf diesem beschwerlichen Treck den Weg in die Freiheit suchten. Es ist eine Überquerung, die ebenso allen heutigen Menschen auf der Flucht vor politischer, rassischer oder religiöser Verfolgung gewidmet ist, wo immer sich diese auf der Welt manifestiert.
Wir verknüpfen damit eine Botschaft des Friedens. Wir teilen den Grundgedanken dieses spirituellen Weges, appellieren an alle Menschen, jenen zu helfen, die auf der Flucht sind. Besonders appellieren wir an alle Politiker und andere Entscheidungsträger dieser Welt, allen Verfolgten zu einem neuen menschenwürdigen Dasein zu verhelfen und vor allem keine Anlässe zuzulassen, die Menschen zur Flucht zwingen.“

Tatsächlich müssen wir heute feststellen, dass sich 40 (!) Millionen Menschen auf allen Kontinenten dieser Welt auf der Flucht befinden, aus politischen, rassischen oder religiösen Gründen.

Mit diesen Überlegungen war der fünfte und wichtigste Gedanke geboren, eine Brücke von der Vergangenheit in die Gegenwart zu bauen und unter Bezug auf aktuelle Ereignisse möglichst viele gleichgesinnte Menschen und Organisationen zu erreichen und diese einzuladen, sich unseres Projekts anzunehmen.

Dieser Brücke einen würdevollen Rahmen zu verleihen war unser sechster Gedanke. So sollten in einem Festakt in Krimml am 28. Juni 2007, dem Vortag der
Gedächtnisüberquerung, nicht nur Zeitzeugen der Judenflucht 1947 zu Wort kommen; wir wünschten uns, dass die Würde des heutigen Menschen genauso angesprochen wird. Ich habe daher vorgeschlagen, ausgewählte Persönlichkeiten einzuladen, ihre Gedanken zu diesem Projekt in einem Friedensgespräch mit uns zu teilen. Am Abend des 29. Juni 2007, nach der Gedächtnisüberquerung sollte es dann in der Gemeinde Ahrntal – ebenfalls mit einer spirituellen Feier – zu einem würdevollen Abschluss kommen.

Schließlich, siebentens, war und ist es unserer Projektgruppe ein Anliegen, mit diesem Projekt auch auf die ökologischen Ziele des Nationalparks Hohe Tauern Salzburg aufmerksam zu machen.

Von Anbeginn ist uns bei der Planung dieses Projektes von vielen Menschen, insbesondere vom Land Salzburg (Gabi Burgstaller, Othmar Raus, Doraja Eberle und Egon Leitner) und auch seitens der Bürgermeister der Gemeinden Krimml und Ahrntal, Erich Czerny und Hubert Rieder, eine große Welle der Zustimmung entgegengeströmt. Diese Zustimmung hat uns zusätzlich motiviert.

Ende Jänner 2007 wurden wir informiert, dass die Stadtgemeinde Saalfelden die Enthüllung eines Gedenksteins in der Wallnerkaserne zur Erinnerung an das Lager Givat Avoda plant. In weiterer Folge haben wir uns daher, auch im Sinne der Zeitzeugen, mit Bürgermeister Günter Schied und mit Sabine Aschauer-Smolik vom Bildungszentrum Saalfelden abgestimmt, dass dieser Programmpunkt am Vormittag des 28. Juni 2007 stattfindet und unser Projekt dadurch mit diesem wichtigen Inhalt bereichert wird.

Zwischenzeitlich wurde beschlossen, die Staatspräsidenten Österreichs und Italiens, Heinz Fischer und Giorgio Napolitano, um den offiziellen Ehrenschutz für unser Projekt zu ersuchen. Außerdem wurde ein Ehrenkomitee von weit über 100 ausgewählten internationalen Persönlichkeiten gebildet, zur Unterstützung der Friedensbotschaft des Projektes. Diese Persönlichkeiten sind Spiegelbild für jenen Teil unserer Gesellschaft, der auf Mitmenschen zugeht, denen die eigene Kraft nicht ausreicht, um ihrem Schicksal zu entrinnen. Sie stellen ein breites Spektrum dar: sie sind Dichter und Künstler, Wissenschaftler und Bankiers, Zeitzeugen und Menschenrechtsaktivisten, Religionsführer und Kulturschaffende, Politiker und Journalisten, Unternehmer und Diplomaten; ihr gemeinsamer Nenner ist dieser Schritt zum Nächsten. Mit jedem einzelnen von ihnen habe ich persönlich Kontakt aufgenommen, und viele haben auch nach der Gedächtnis-überquerung Gedanken zu Papier gebracht, die das APC-Buch bereichern (vgl. „Reflexionen“).

Zur Ehrung all jener, die 1947 über die Alpen flüchten mussten, wurde über Anregung von Hans Lerch eine Gedenkmedaille bei dem aus Krimml gebürtigen Künstler Helmut Zobl in Auftrag gegeben. Weiters wurde eine Gedenkbriefmarke des Designers Gustav Gschossmann vorbereitet, die ebenfalls in diesem Buch abgebildet ist. Nicht zuletzt hatten hervorragende Musiker, darunter der Violinist Ernst Kovacic, der Oboist Wilfried Rohm und die Harfinistin Maria Huber, die Filmproduzenten Andreas Gruber und Matthias Tschannett und der Journalist und Historiker Peter Huemer ihre Mitwirkung beim Festakt in Krimml zugesagt.

Im Rahmen dieses Festaktes sollte ein Video über die historischen Ereignisse 1947 präsentiert werden, weiters ein Portrait von Liesl Geisler durch den Theologen Peter Hofer. Im Anschluss an ein Video über die aktuelle Flüchtlingssituation 2007 (dafür konnte Reinhard Dörflinger von Ärzte ohne Grenzen gewonnen werden) sollte als weiterer Höhepunkt das von Peter Huemer moderierte Friedensgespräch stattfinden, mit sehr prominenter Besetzung: Dan Ashbel, Mouhanad Khorchide, Michael Landau und Margit Maximilian, deren Bericht über die Flüchtlinge in Darfur bereits auf unserer Web-Site abgedruckt war.

Es war mir ein Anliegen, dieses Friedensgespräch mit meinem persönlichen Gedenken an Robert und Frances Boehm zu verknüpfen, den Mitbegründern des Center for Constitutional Rights in New York. Für mich waren die beiden seit meiner Jugend leuchtende Beispiele für aktive Friedenspolitik. Sie hatten mich zu diesem Projekt ermutigt. Leider konnten sie nicht mehr teilnehmen; sie sind 2006 verstorben.

Seitens der Medien wurde unserem Projekt eine beachtliche Aufmerksamkeit gewidmet, sowohl seitens des ORF (Judith Brandner und Hans Kutil) wie auch seitens der Printmedien in Österreich (im besonderen Heinz Bayer und Thomas Neuhold) und in Israel (Aryeh Dayan). Ihr Beitrag zum Gelingen unseres Projektes ist nicht hoch genug einzuschätzen, ebenso wie jener von Andreas Gruber und Matthias Tschannett bei der Entstehung des Dokumentarfilms „Der Krimmler Exodus“, mit zwei Reisen nach Israel. Die Gespräche mit ihnen allen, und deren Umgang mit den Zeitzeugen, waren für mich besondere Höhepunkte unseres Projektes.

Es war von Anbeginn unser Plan gewesen, alles zu versuchen, um Zeitzeugen ausfindig zu machen und nach Österreich einzuladen. Wir waren nicht optimistisch, dass dies gelingen würde nach 60 Jahren, hatten aber dennoch gehofft, vielleicht zwei oder drei Menschen zu finden und diese stellvertretend für alle anderen mit unserem Projekt zu ehren.

In diesem Punkt kam es zu einer großartigen Zusammenarbeit mit dem israelischen Botschafter in Österreich, Dan Ashbel. Er meldete sich mehrmals in einer Live-Radiosendung in Israel zu Wort, um über unser Projekt zu berichten. Gleich nach der ersten Sendung hatten sich 21 (!) Zeitzeugen gemeldet. Schließlich – es waren dies intensive Wochen der Vorbereitung im Mai/Juni – waren es zehn Zeitzeugen (insgesamt 15 Gäste aus Israel) die unsere Einladung, gesponsert von BNP Paribas, angenommen haben, nach Österreich zu kommen. Von der älteren Generation (80+ Jahre) waren dies Avraham und Sylvia Weiss und Moshe und Bilha Talit. Die weiteren sechs Personen sind heute 60+ und wurden damals entweder von ihren Eltern getragen (Yaacov Shwartz, Jaffa Levi, Margarita Weinberg, Moshe Frumin) oder sind im Mutterleib (Lili Segal, Ahuva Shamir) über die Alpen geflüchtet.

Bei der Gelegenheit möchte ich auch die große Unterstützung würdigen, die uns seitens der österreichischen Botschaft in Tel Aviv zuteil wurde, insbesondere seitens ihres Kulturattachés Arad Benkö und seiner Mitarbeiterin Magdalena Pfaffl. Ihrem Engagement ist es zuzuschreiben, dass in weiterer Folge (im Dezember 2007) auch eine Reunion in Israel mit einer großen Zahl an Zeitzeugen zustande kam, zu der der neue Botschafter Michael Rendi in den „Club der Österreicher in Israel“ in Tel Aviv eingeladen hatte.

Ich hatte für den Österreich-Besuch der Zeitzeugen einen zusätzlichen Tag in Saalfelden eingeplant, mit dem dieser Bericht über die „Genesis“ auch abgeschlossen wird. Moshe Talit hatte als Lehrer und Ausbildner im Lager Givat Avoda gewirkt und eine umfangreiche Fotosammlung mitgebracht, als Nukleus der von Sabine Aschauer-Smolik und Mario Steidl geplanten Dokumentation bzw. Ausstellung über das Lager. Gemeinsam sahen wir dann einige der noch existierenden seinerzeitigen Baracken, bevor wir in Maria Alm mit einer gemeinsamen Wanderung den Tag ausklingen ließen. Paul Rieder hatte sich dazu eine Überraschung einfallen lassen: Lois und Josef („Josch“) Schwaiger spielten für uns Trompete, wunderbar wie aus einer fernen Welt und anderen Zeit.

Beim anschließenden Abendessen berichtete ich unseren Gästen aus Israel über das abschließende Pressegespräch mit der Salzburger Landesregierung (Othmar Raus, Doraja Eberle), wie es zum APC-Logo und zur Web-Site (Paul Pipal, Gustav Gschossmann) gekommen war, dass es eine englische Simultanübersetzung (Hans Dieter Nerbl und Judith Wolfframm) bei der Feier in Krimml geben würde, und dass sich über 150 Menschen für die Gedächtnisüberquerung angemeldet hatten.

Am nächsten Tag würde also das Festprogramm beginnen. Es war weit mehr als ein symbolischer Beginn, dass bei der Gedenksteinenthüllung für das Lager Givat Avoda auch 40 Flüchtlinge aus 10 Ländern aus dem Flüchtlingsheim Saalfelden dabei sein würden. Ich will ausdrücklich vermerken, dass diese Begegnung von Doraja Eberle angeregt und herbeigeführt wurde, wie überhaupt die Zusammenarbeit mit ihr von besonderer Qualität war.

Es ist schwer zu beschreiben, wieviel das Projekt den Zeitzeugen bedeutet hat, und welche Gefühle es bei ihnen auslöste; die berührenden Worte von Jaffa Levi und Itzhak Drach im Dokumentarfilm bedürfen wohl keiner weiteren Kommentierung. Die Bereicherung, die ich erfahren habe durch die Arbeit bei diesem Projekt, will ich nicht beschreiben, ich will mich an dieser Stelle nur nochmals bei allen bedanken, deren Namen hier kursiv geschrieben wurden, besonders aber bei meinem Organisationskomitee, bei Romana Codemo, Monika Kenyeri und Karin Dörfler von unserem BNP Paribas-Büro und nicht zuletzt auch bei meiner Frau Waltraud Löschner für großartige Unterstützung und echte Partnerschaft.

Dieses „Genesis“ wäre nicht vollständig ohne zumindest eine kurze Erwähnung der umfangreichen Korrespondenz mit Antoine Sire, Othmar Raus, Evelina Merhaut und Hans Dieter Nerbl zum Kapitel „Fundraising“, denn ohne großzügige Finanzierung, insbesondere von meiner Bank BNP Paribas als offizieller Sponsor und auch von der Salzburger Landesregierung und dem Nationalfonds der Republik Österreich, wäre dieses Projekt nicht möglich gewesen. Die Stadtgemeinde Saalfelden wie die Gemeinden von Krimml und Ahrntal haben sich ebenfalls finanziell eingebracht.

Mittlerweile ist APC 2007 bereits Vergangenheit. Alles in allem können wir nur hoffen, dass unsere Gedanken weiter angenommen und aufgegriffen werden, dass ein bedeutsames Stück Geschichte nicht der Vergessenheit anheim fällt und dass vor allem unsere Friedensbotschaft für die Welt, in der wir heute leben, bei so vielen Menschen wie möglich ankommt. Dies war auch der Grund, warum wir „Alpine Peace Crossing 1947/2007“ als internationalen Titel für unser Projekt gewählt haben. Die Abkürzung APC kann auf englisch auch als „A PeaCe“ gelesen werden.

Die Gedenkmedaille zu unserem Projekt zeigt symbolisch, wie die Flüchtlinge 1947 Schutz im Krimmler Tauernhaus fanden. So eine schützende Hand brauchen auch die Flüchtlinge heute.

Ernst Löschner ist Direktor a.D. der BNP Paribas Österreich und Projekt-Initiator.